Eine S7-300 Migration auf S7-1500 gelingt, wenn Sie drei Dinge trennen: die Bestandsaufnahme der alten Anlage, die eigentliche Konvertierung im TIA Portal und die Nacharbeit am Code, bevor er an die Maschine geht. Die Konvertierung selbst dauert oft nur Minuten. Die Arbeit steckt davor und danach. Siemens schreibt dazu im eigenen Migrationsleitfaden S7-300/S7-400 nach S7-1500 sinngemäß, dass die Migration nach dem Konvertieren noch nicht abgeschlossen ist.

Der Zeitdruck ist real. Siemens hat die S7-300 im Oktober 2023 abgekündigt und danach noch etwa zwei Jahre als Neuteil geliefert, wie ein Siemens-Blogbeitrag vom August 2023 beschreibt. Seit dem 1. Oktober 2025 befindet sich die Baureihe in der Auslaufphase, berichtet European Automation. Was das für Ersatzteile bedeutet, haben wir im Beitrag zur S7-300 Abkündigung zusammengefasst.

S7-300 Migration auf S7-1500: die fünf Arbeitsschritte

Aus unseren Migrationsprojekten hat sich eine feste Reihenfolge bewährt. Sie passt für eine einzelne Verpackungsmaschine ebenso wie für eine Linie mit sechs CPUs.

  1. Bestandsaufnahme: Projektstand aus der laufenden CPU sichern, mit dem Archiv vergleichen, Hardwarekonfiguration, Netzwerke (MPI, PROFIBUS, PROFINET), Bibliotheken und Optionspakete wie S7-GRAPH oder SCL erfassen.
  2. Zielbild festlegen: CPU-Typ, Peripherie (ET 200MP, ET 200SP oder Weiterbetrieb der ET 200M), HMI-Strategie und Netzwerkkonzept entscheiden, bevor Code angefasst wird.
  3. Konvertierung: STEP-7-V5.x-Projekt im TIA Portal öffnen oder vorher mit dem Migrationstool aufbereiten, dann auf die S7-1500 umstellen.
  4. Nacharbeit: Übersetzungsfehler, IEC-Timer, Systemfunktionen, Kommunikationsbausteine und Bausteinzugriffe bereinigen, anschließend gezielt optimieren.
  5. Test und Umstellung: Programm gegen eine simulierte Maschine testen, Testprotokoll schreiben, dann den Umbau vor Ort in einem geplanten Stillstand durchführen.

Schritt 1: Ehrliche Bestandsaufnahme

Der häufigste Fehler ist ein veralteter Projektstand. In vielen Werken wurde jahrelang online geändert, ohne das Archiv nachzuziehen. Laden Sie deshalb immer den Stand aus der CPU und vergleichen Sie ihn mit der Ablage. Dokumentieren Sie außerdem, welche Bausteine absolut adressiert sind, wo Merker als Schnittstelle zu anderen Steuerungen dienen und welche Fremdbausteine ohne Quellcode vorliegen. Know-how-geschützte Bausteine von Lieferanten sind ein klassischer Stolperstein.

Schritt 2: Erst das Zielbild, dann der Code

Siemens empfiehlt im Leitfaden, zuerst zu klären, wie die Anlage nach der Migration aussehen soll, und nicht nur, wie eine einzelne Steuerung umgestellt wird. Das deckt sich mit unserer Erfahrung. Wer die ET 200M-Peripherie vorerst behält, spart Verdrahtungsaufwand, baut aber Abhängigkeiten zu Teilen auf, die ebenfalls auslaufen. Die S7-1500 bringt PROFINET und OPC UA bereits in der CPU mit. Das öffnet die Tür für eine saubere Netzwerktrennung, die Sie bei NIS2-Pflichten ohnehin brauchen.

Siemens S7-300 CPU 314 IFM in Nahaufnahme mit Frontstecker und Statusanzeigen
Eine S7-300 CPU 314 IFM: Viele dieser Steuerungen laufen seit Jahrzehnten, die Projektstände sind oft nicht mehr aktuell.

Was sich technisch ändert

Die S7-1500 arbeitet anders als die S7-300. Wer das ignoriert, erhält ein Programm, das zwar läuft, aber langsamer sein kann als vorher. Genau davor warnt der Siemens-Leitfaden, weil sich die Befehlssätze unterscheiden. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

ThemaS7-300S7-1500
Datenbausteinmax. 64 KByteoptimiert bis 10 MByte (CPU-abhängig)
Speicherkartebis 8 bzw. 64 MBytebis 32 GByte
IEC-TimerQ und ET werden beim Aufruf aktualisiertjeder Zugriff auf Q oder ET aktualisiert
Adressierungabsolut und symbolischoptimierte Bausteine nur symbolisch

Die Zahlen zu Bausteingrößen und Speicherkarte stammen aus dem Siemens-Leitfaden (Stand 03/2017). Das Timerverhalten beschreibt Siemens in einer FAQ im Support-Portal: Auf der S7-1500 lässt sich ein IEC-Timer-Ausgang nicht ein zweites Mal beschreiben, der Compiler meldet dann, die Variable sei schreibgeschützt. Prüfen Sie solche Stellen vor der Konvertierung. Sonst sammeln sich Dutzende Fehlermeldungen, die alle dieselbe Ursache haben.

Optimierte Bausteine: ja, aber nicht gemischt

Optimierte Bausteine ordnen ihre Daten selbst an und erlauben Nachladen im laufenden Betrieb. Dafür verschwinden absolute Zugriffe wie DB10.DBW4. Für die Praxis heißt das: Schnittstellen zu SCADA, Leitsystemen oder anderen Steuerungen, die per Adresse zugreifen, müssen Sie umstellen oder bewusst in nicht optimierten Bausteinen belassen. Mischen Sie beide Varianten nicht wahllos, das erschwert Wartung und kostet Zykluszeit.

Die SIMATIC S7-1500 neuester Generation von Siemens

Siemens Knowledge Hub

Dieses Video wird von YouTube bereitgestellt. Beim Abspielen werden Inhalte von Google geladen, und es können Cookies gesetzt werden.

Auf YouTube ansehen
Siemens stellt die aktuelle S7-1500-Generation vor, das Zielsystem der meisten S7-300-Migrationen.

Werkzeuge, die Siemens bereitstellt

Für die Konvertierung brauchen Sie keine Zusatzsoftware. STEP 7 Professional im TIA Portal kann laut Siemens alle Generationen von SIMATIC-Steuerungen projektieren. Hilfreich sind außerdem diese Werkzeuge, die Siemens auf der Themenseite Migration von Anlagen mit SIMATIC bündelt:

  • das Migrationstool, das ein STEP-7-Projekt auch auf einem Rechner ohne TIA Portal in ein übertragbares Format bringt,
  • das TIA Selection Tool mit Migrationsassistent für die Auswahl der neuen Hardware,
  • Verdrahtungs- und Peripherieadapter, mit denen vorhandene Frontstecker weiterverwendet werden können,
  • FAQs zu typischen Problemen wie Alarmmigration, GRAPH-Remanenz und IEC-Timern.

Testen, bevor die Maschine steht

Der teuerste Teil einer Migration ist der Stillstand. Deshalb lohnt es sich, migrierte Programme vorab gegen eine simulierte Maschine zu testen. Mit S7-PLCSIM Advanced läuft die virtuelle S7-1500, ein einfaches Verhaltensmodell liefert Rückmeldungen von Sensoren und Antrieben. So prüfen Sie Schrittketten, Verriegelungen und Fehlerreaktionen am Schreibtisch. Wie das im Detail funktioniert, erklären wir im Beitrag zu PLCSIM Advanced und Software-in-the-Loop.

Ein typisches Bild: eine Abfüllmaschine mit einer CPU 315-2 PN/DP, einigen hundert Bausteinen und einem Touchpanel. Nach der Konvertierung stehen Fehlermeldungen in der Liste, viele davon durch doppelt beschriebene Timer-Ausgänge und alte Systemfunktionen. Sind diese bereinigt und läuft die Schrittkette in der Simulation vollständig durch, bleibt vor Ort im besten Fall nur die Feinjustage von Sensorzeiten. So sollte eine Umstellung aussehen.

Selbst machen oder vergeben?

Wenn Ihr Team das Programm kennt und Zeit hat, ist eine Eigenmigration machbar. Fehlt beides, lohnt sich ein klar abgegrenztes Arbeitspaket. Wartens migriert den Code auf die S7-1500, testet ihn, migriert die HMI und liefert ein Testprotokoll. Die Umstellung vor Ort übernimmt Ihr Team oder ein lokaler Partner, unsere Ingenieure unterstützen remote. Details finden Sie unter Automatisierungs-Engineering. Für die Bedienoberfläche lesen Sie unseren Beitrag zur HMI-Migration auf WinCC Unified.

Nächster Schritt: Senden Sie uns ein Archiv Ihres STEP-7-Projekts und eine Liste der Hardware. Wir bewerten den Aufwand und melden uns mit Umfang, Zeitplan und Festpreis über die Kontaktseite.