Die Verwaltungsschale, englisch Asset Administration Shell (AAS), ist der standardisierte digitale Zwilling der Industrie 4.0. Sie beschreibt ein Gerät, eine Maschine oder eine Anlage in einer festen Struktur, sodass andere Systeme die Informationen ohne Sonderschnittstelle lesen können. Für Maschinenbauer ist sie vor allem dann relevant, wenn Kunden Daten wie digitales Typenschild, technische Daten, Dokumentation oder CO2-Fußabdruck maschinenlesbar verlangen.

Getragen wird der Standard von der Industrial Digital Twin Association (IDTA), die aus einer gemeinsamen Initiative von VDMA, ZVEI und der Plattform Industrie 4.0 hervorgegangen ist. Auf der Mitgliederseite der IDTA finden sich große Namen der deutschen Industrie, darunter ABB, Bosch, Festo, Phoenix Contact, SAP und Siemens (Stand Oktober 2026). International ist die Verwaltungsschale mit der IEC 63278-1 seit Dezember 2023 genormt.

Wie eine Verwaltungsschale aufgebaut ist

Eine Verwaltungsschale besteht aus einem Kopf mit der Identifikation des Assets und aus Teilmodellen, die jeweils einen Aspekt beschreiben. Das ZVEI-Whitepaper zur Interoperabilität vom Dezember 2025 beschreibt diesen Aufbau und nennt als Austauschformate JSON, XML und das Paketformat AASX. Laut demselben Papier hat die IDTA über 100 standardisierte Teilmodelle veröffentlicht oder in Entwicklung.

Teilmodell (IDTA-Nummer)InhaltNutzen
Digital Nameplate (02006)Hersteller, Typ, Seriennummer, Baujahreindeutige Identifikation, Ersatzteilbestellung
Technical Data (02003)technische KenndatenAuslegung, Auswahl, Engineering
Handover Documentation (02004)Betriebsanleitung, Zertifikate, ZeichnungenÜbergabe an Betreiber
Carbon Footprint (02023)CO2-Fußabdruck des ProduktsNachhaltigkeitsberichte, Produktpass

Die Übersicht stammt aus dem Teilmodell-Verzeichnis der IDTA (Abruf Oktober 2026). Für Maschinenbauer ist das digitale Typenschild fast immer der erste Schritt, weil es einfach ist und sofort einen sichtbaren Nutzen bringt: Der Instandhalter scannt einen QR-Code und erhält alle Daten zur Maschine.

Historisches Messing-Typenschild der Siemens-Schuckert-Werke mit eingeprägter Nummer
Vom Messing-Typenschild zum digitalen Typenschild: Die Verwaltungsschale macht dieselben Informationen maschinenlesbar.

Verwaltungsschale und Manufacturing-X

Die Verwaltungsschale ist das Datenformat, über das in den Datenräumen von Manufacturing-X Informationen ausgetauscht werden. Die IDTA hat auf der Hannover Messe 2026 gemeinsam mit der Plattform Industrie 4.0 rund 30 Exponate mit Verwaltungsschalen gezeigt und die Rolle des digitalen Zwillings für Datenräume, industrielle KI und den digitalen Produktpass betont. Wie Manufacturing-X organisiert ist, erklären wir im Beitrag Manufacturing-X.

Der Digitale Zwilling ist die Schlüsseltechnologie der Industrie 4.0.

Industrial Digital Twin Association, Startseite (Abruf Oktober 2026)

01 - Michael Hoffmeister: Warum Verwaltungsschale (Asset Administration Shell)?

Industrial Digital Twin Association

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Die IDTA erklärt, warum es eine standardisierte Verwaltungsschale braucht.

Verwaltungsschale und Steuerungstechnik

Für Automatisierer ist die spannende Frage, wie Live-Daten aus der Steuerung in die Verwaltungsschale kommen. Statische Teilmodelle wie das Typenschild entstehen aus Engineering-Daten. Dynamische Werte wie Betriebsstunden, Zustände oder Energieverbrauch kommen aus der SPS, typischerweise über OPC UA. Die Verwaltungsschale legt fest, wie diese Werte beschrieben sind, OPC UA transportiert sie. Beide Standards ergänzen sich.

In der Praxis heißt das: Strukturieren Sie Ihre SPS-Daten so, dass sie sich sauber auf Teilmodelle abbilden lassen. Eine einheitliche Struktur für Betriebsdaten in jeder Maschine, klare Namen und Einheiten sowie ein OPC-UA-Server auf der Steuerung sind die Basis. Ob Sie die Verwaltungsschale dann auf einem Edge-Gerät, in der Cloud des Kunden oder in einem Datenraum bereitstellen, ist eine zweite Entscheidung.

Denken Sie dabei auch an die Sicherheit. Ein OPC-UA-Server auf der Steuerung ist ein zusätzlicher Zugangspunkt ins Maschinennetz. Nutzen Sie verschlüsselte Verbindungen und Benutzerauthentifizierung, geben Sie nur lesende Zugriffe frei, wo Schreiben nicht nötig ist, und dokumentieren Sie die Schnittstelle in der Risikobeurteilung. Spätestens mit dem Cyber Resilience Act wird das ohnehin Teil Ihrer Herstellerpflichten. Mehr dazu im Beitrag Cyber Resilience Act im Maschinenbau.

Ein Beispiel aus dem Alltag eines Komponentenherstellers

Stellen Sie sich einen Hersteller von Dosierpumpen vor, der jedes Jahr einige tausend Pumpen ausliefert. Heute liegt jeder Pumpe ein Datenblatt als PDF bei, dazu eine Konformitätserklärung und eine Betriebsanleitung. Der Anlagenbauer, der die Pumpe verbaut, tippt Typ, Leistung und Anschlussdaten von Hand in seine Elektrokonstruktion und sein Instandhaltungssystem ab.

Mit einer Verwaltungsschale pro Seriennummer liest der Anlagenbauer dieselben Daten automatisch ein: Typenschild, technische Daten und Dokumentation in definierter Struktur. Fehler beim Abtippen entfallen, und die Daten bleiben über den Lebenszyklus der Anlage auffindbar. Für den Pumpenhersteller ist der Aufwand überschaubar, wenn die Daten ohnehin in seinem ERP-System liegen und nur noch in das Teilmodell übertragen werden müssen.

Für Maschinenbauer gilt dasselbe eine Ebene höher. Die Verwaltungsschale der Maschine verweist auf die Verwaltungsschalen der verbauten Komponenten. So entsteht eine Struktur, in der ein Betreiber vom Gesamtsystem bis zur einzelnen Pumpe navigieren kann. Zusätzlich bereitet das den digitalen Produktpass vor, den die EU für immer mehr Produktgruppen vorsieht.

Die IDTA nennt auf ihrer Startseite ein Beispiel aus der Praxis: Bosch Rexroth habe bereits über 170 Millionen digitale Zwillinge seiner Produkte erzeugt. Die Zahl zeigt, dass die Technik bei großen Komponentenherstellern im Serieneinsatz angekommen ist und nicht mehr nur in Forschungsprojekten lebt.

Pragmatischer Einstieg in vier Schritten

  1. Fragen Sie Ihre wichtigsten Kunden, welche Teilmodelle sie erwarten und in welchem Format.
  2. Starten Sie mit dem digitalen Typenschild und der Übergabedokumentation für eine Maschinenbaureihe.
  3. Erzeugen Sie die Teilmodelle automatisch aus vorhandenen Daten in ERP, PLM oder Elektrokonstruktion, nicht von Hand.
  4. Erweitern Sie schrittweise um Betriebsdaten aus der Steuerung über OPC UA.

Ein guter Indikator für den richtigen Zeitpunkt sind Ausschreibungen. Wenn Kunden in Lastenheften Verwaltungsschalen, digitale Typenschilder oder Daten für den Produktpass fordern, sollten Sie eine Lösung haben, die mehr ist als ein manuell erzeugtes Einzelstück.

Wartens baut digitale Zwillinge für Maschinen und Linien, die auf Wunsch interoperabel nach Verwaltungsschale strukturiert werden. Mehr dazu unter Digitale Zwillinge. Einen Überblick über die Treiber im deutschen Markt finden Sie auf unserer Seite Industrie 4.0 in Deutschland.

Nächster Schritt: Nennen Sie uns die Maschinenbaureihe und die Anforderungen Ihres Kunden. Wir zeigen, welche Teilmodelle sich aus Ihren vorhandenen Daten ableiten lassen. Kontakt.